Ludwig Hasler: «Wenn die Zeit sich selbst überholt»
Jetzt kommt Ludwig Hasler. Bio: Dr. phil., geb. 1945, Journalist, Philosoph, Kunstsammler, war Mitglied der Chefredaktion beim «St. Galler Tagblatt», dann bei der Zürcher «Weltwoche». Heute arbeitet er als Publizist, «Weltwoche»-Autor, Hochschuldozent für Philosophie und Medientheorie. Mona Vetsch fügt noch an, dass er beinahe Zehnkämpfer geworden wäre.
Nach dem Parforceritt von Jean-Claude Biver wird es nun langsamer, aber nur scheinbar einfacher, denn als Chronist müsste man sich bei Hasler bemühen, die Zitate wörtlich wiederzugeben.
Hasler beginnt mit dem Lob der Langeweile. «Wenn den alten Griechen nicht langweilig gewesen wäre, hätten sie nicht die olympischen Spiele erfunden. Auch Sie wären alle nicht hier, wenn Ihnen nicht etwas langweilig gewesen wäre.»
Dabei ist für Hasler nicht etwa Langsamkeit die Maxime, wie einige bissige Bemerkungen zur Medienbranche zeigen: «Wenn die ganze Medienbranche immer noch nicht weiss, wer nächstes Jahr Radio machen darf, ist das eigentlich eine Schlamperei.» Und auch nicht Durchschnittlichkeit: «Wenn ein neugewählter Ständeratspräsident als erstes sagt: ‘Erwartet nicht viel von mir, ich bleibe der, der ich war’, dann denke ich: Das muss man sich erstmal leisten können.»
Drei Vorschläge von Hasler zur Verbesserung des Lebensgefühls:
1. Mehr Rennpausen
«Alle stöhnen: keine Zeit, keine Zeit – aber wenn sie mal Zeit haben, wissen sie nichts damit anzufangen.» Die beiden Pariser Flughäfen bieten neuerdings Tanzkurse an, um den Passagieren das Warten leichter zu machen.
An Frühaufsteher Biver gewandt: «Ich kenne inzwischen keinen Manager mehr, der nicht um fünf Uhr losrennt — ich schlafe dann noch.» Allerdings ist auch Hasler wohl kein Faulenzer, denn: «Ich bin allerdings um zwei noch wach.»
«Die Schweizer sind bei der EM im Spiel gegen die Tschechen 124 km gerannt, die Tschechen nur 114 km — dafür hatten sie Zeit, noch ein paar Tore zu schiessen.»
2. Mehr Realpausen ohne die Tücken der digitalen Welt
Hasler reiht vor allem schöne Aphorismen aneinander. Über die digitale Welt: «Wenn in China ein Sack umfällt, fällt kurze Zeit später auch der Nikkei.»
Hasler behauptet, dass die Realwirtschaft – bisher von der Finanzwirtschaft mitleidig belächelt – in Zukunft wieder zu Ehren kommen wird. Wir rechnen wieder mit irdischem Zeitmass.
Jetzt kommt die Keule gegen das Internet, mit Unterstützung von US-Internetskeptiker Nicholas Carr, der meint, sein Gehirn sei vsei – beim Googlen – zum “nervösen Flipperautomaten” geworden. Carr: «Früher war ich ein Taucher im Ozean der Worte. Heute rausche ich auf der Oberfläche entlang wie ein Wasserskifahrer.» Hasler: «Wer nur surft, bleibt an der Oberfläche.»
3. Vorschlag: Mehr Träume
Hasler kennt ein Unternehmen, das seine Mitarbeiter jede Woche einmal ins Kino schickt, damit sie in der Traumfabrik einige Ideen für neue Produkte mitnehmen können.
Die Wirtschaft bevorzugt allerdings keine Träumer, sondern Profis – so wie die Investmentbanker es auch sind (die kriegen es im Moment in jedem Vortrag).
Livebloggen eines solchen Wortakrobaten ist recht schwierig; man sollte lieber sein Manusskript hochladen. Ich frage ihn mal, ob er das aus der Hand gibt.
Wer Haslers speziellen und pointierten Vortragsstil im Wortlaut und in Ruhe hören will, kann sich - allerdings digital! - hier seine Podcasts bei Swisscom anhören oder auf den iPod überspielen, unter anderem, für Blogleser passend: «Macht Surfen doof?»
7 Kommentare








24. Oktober 2008 um 17.05 Uhr
Den 3. Vorschlag, mehr Träume finde ich eine gute Idee.
Den Kopf auslüften und neue Ideen reinpacken. So entstehen Ideen und Visionen, welche dann in neue Produkte oder Dienstleistungen einfliessen können.
“Wenn das Leben keine Vision hat, nach der man strebt, nach der man sich sehnt, die man verwirklichen möchte, dann gibt es auch kein Motiv, sich anzustrengen.”
24. Oktober 2008 um 17.18 Uhr
«Wer nur surft, bleibt an der Oberfläche.» – Hat er schon recht. Gut, dass man in der Regel nicht nur surft, sondern auch mal liest und schreibt.
Fragt mal nach dem Manuskript, das verlinke ich dann!
24. Oktober 2008 um 17.20 Uhr
Wir haben nach dem Manuskript gefragt, er rückt es nicht raus. Ich grabe jetzt nach dem MP3.
24. Oktober 2008 um 17.40 Uhr
[...] DiskussionenLudwig Hasler: «Wenn die Zeit sich selbst überholt»Peter Hogenkamp, Florian Steglich, Hugo [...]
24. Oktober 2008 um 17.54 Uhr
Das Referat von Hasler war schlicht sensationell. Wenn möglich bitte ich um eine möglichst Wortgetreue Abschrift. Das Lob der kreativen Langeweile möchte ich mir nochmals auf der literarischen “Zunge” zergehen lassen.
Besten Dank
24. Oktober 2008 um 18.32 Uhr
Wir tun unser Bestes.
25. Oktober 2008 um 12.34 Uhr
Schön, dass auch ein Referat mit philosophischem Inhalt – ruhig, bedacht, einstweilen auch witzig-ironisch vorgetragen – Platz an diesem inhaltlich hervorragenden KMU-Tag hat. Ich bin froh, mir die Zeit für diesen Tag genommen zu haben.