Ludwig Hasler: «Wenn die Zeit sich selbst überholt» (Transkript)
Auf vielfachen Wunsch hier der Originaltext des Vortrags von Ludwig Hasler.
«Wenn die Zeit sich selbst überholt»
Philosophen singen gern das hohe Lied der Langsamkeit. Ich nicht. Gebe selber gern Gas. Jedenfalls halte ich wenig von landesüblichen Stillstandsabkommen. Was sagte ein frisch gewählter Ständeratspräsident? „Erwartet nichts Aussergewöhnliches von mir, ich werde bleiben, der ich war.“ Na danke, das muss man sich leisten können. Kann sich aber keiner leisten. Wir müssen vorwärts machen, uns bewegen. Die Welt bewegt sich längst. China bildet jährlich eine Million Ingenieure aus, Indien Hunderttausende Informatiker. Und wir? Basteln an Nichtraucher-Gesetzen. Den Bürger vor sich selber schützen, das ist jetzt das Grösste. Kein Wunder, kommen hier auf einen Informatiker zwei Dutzend Psychotherapeuten. Die Schweiz, ein Therapiezentrum? Plus Wellness? Wir führen uns auf wie Pensionäre der Weltgeschichte, Ängstlich besorgt um den Cholesterinspiegel. Dabei täte uns mehr Blutdruck nur gut. Also mit der Zeit gehen? Sicher. Aber wie? Siehe Finanzkrise. Die Trader an der Wall Street, Gott, die gingen mit der Zeit. Liessen das herkömmliche Bankgeschäft weit hinter sich, handelten mit verschachtelten „Produkten“, die nichts wert waren –ausser der Spekulation, dass andere glaubten, sie seien was wert. Jetzt ist Schluss mit der Party. Das Geschäft mit Geld muss wieder dort beginnen, wo es einst war, ganz nahe am guten alten Pfandbrief, weniger riskant, weniger profitabel, strenger reguliert, langweiliger, provinzieller. Daraus kann man lernen: Wer besinnungslos mit der Zeit rudert, steuert nicht in die Zukunft, sondern kippt zurück in die Vergangenheit, therapiert von Doktor Staat. Wogegen Banken, die altväterisch agierten, heute vorne weg sind.
Muss man nur genug altmodisch sein –und findet sich unversehens an der Spitze der Avantgarde vor? Kommt vor –siehe Jean-Claude Biver: Renaissance der mechanischen Uhr. Aber was heisst altmodisch? Sicher kann man sagen: Wer nur mit der Zeit schwimmt, verpasst die Zukunft. Wir müssen in den Strom der Zeit eintauchen, aber wir dürfen uns darin nicht treiben lassen, wir müssen zwischendurch ans Ufer sitzen, die Strömung beobachten, kritisch einschätzen um –von Fall zu Fall –die Richtung wechseln zu können. Es braucht also eine zwiespältige Einstellung: mit der Zeit gehen –und neben ihr stehen. Wie schafft man das? Drei bescheidene Verschläge:
I. Mehr Rennpausen oder: Das Glück der leeren Zeit
Wir leben in der Turbo-Gesellschaft. Für Supersensible ein Graus. Z.B. die Fliegerei, ein Teufelszeug, schleudert den Menschen von einem Ort zum andern, ohne dass er Zeit hätte, sich der Kultur des fremden Landes behutsam zu nähern, so in der Art des Pilgers. Das Flugzeug sei schuld daran, dass das Leben immer hektischer verlaufe und die Stunden der Musse und inneren Einkehr seltener seien als eine Chartermaschine, die pünktlich abhebt. Ich halte das für kompletten Unsinn. Auf mich wirkt nichts so entschleunigend wie eine Flugreise. Erst eine Stunde in der S-Bahn, im Stau auf der Autobahn, zum Einchecken eine gefühlte Ewigkeit in der Warteschlange, dann endlose Warterei in der Abflughalle, vor der Landung die zwanzig Warteschleifen, schliesslich Ausharren am Gepäcklaufband, bis klar ist: Der Koffer landet in einem anderen Winkel der Welt. Wo sonst wird einem so viel Zeit geschenkt? Zeit zum Innehalten. Über sein Leben nachdenken, es neu ordnen. Doch wer schätzt diesen meditativen Effekt des Fliegens. Beide Pariser Flughäfen bieten neuerdings Tanzkurse an, damit Passagiere nicht durchdrehen. Komisch: Alle klagen, keine Zeit. Ist mal Zeit da, können sie mit ihr nichts anfangen. Üben lieber stümperhaft Tangoschritte –den Blick genervt auf die Uhr. Hätten sie wenigstens eine von Biver, so eine „Big Bang“, da kann man nur notdürftig die Zeit ablesen, ist mehr ein Meditationsding, ein kleiner buddhistischer Apparat, Einübung ins Nirvana, Verführung zum Durchlüften, Träumen… Darauf käme es an. Grad für Sie von der Wirtschaft. Was brauchen Sie? Innovation. Schön, aber wie wird man innovativ? In pausenloser Betriebsamkeit? Dauerrudern im Strom der Zeit? Eher umgekehrt: Mal ans Ufer sitzen, in den blauen Himmel sehen, die Vögel beobachten, die Gedanken ausschweifen lassen, träumen. Jean-Claude Biver sagt: Er verkaufe keine Uhren, sondern Träume. Gilt nicht nur für Luxusuhren. Auch für Handys, Autos, Bratwürste. Wer aber Träume verkaufen will, muss selber welche haben. Das Beispiel der Fliegerei zeigt: Nicht die Tempo-Gesellschaft hindert uns am innovativen Träumen. Wir hindern uns selbst –durch unsere mangelnde Liebe zur leeren Zeit. Mögen wir Zeit gar nicht? Meist sind wir gar nicht richtig da, in der Gegenwart, eher schon in der Zukunft, bei der nächsten Destination. Auch gut –nur: Wo soll dann das Neue herkommen, das Ungeahnte, Unkalkulierte? Ich kenne keinen Manager mehr, der nicht morgens um Fünf losrennt. Nichts gegen Rennen, aber Rennen an sich bringt nicht weiter. An der Euro 08 machte ich eine amüsante Beobachtung: Unsere CH-Kicker rannten weltmeisterlich, im Spiel gegen die Tschechen 124 Kilometer, die Tschechen bloss lumpige 115, dafür hatten die zwischendurch Zeit, ein paar Tore zu schiessen. Tore schiessen braucht –auch in der Wirtschaft –mehr als ausdauernde Betriebsamkeit: so etwas wie Inspiriertheit, eine Gewitztheit, situativ blitzschnell zu reagieren.
Falsch ist nicht das Rennen. Falsch ist das Geradeaus. Atemlose Zielstrebigkeit raubt uns die Wahrnehmung, wir sehen nichts, hören nichts, null Inspiration. Nicht alle können, wie Herr Biver, eine Viehherde haben. Aber wir könnten mal wandern statt rennen. Und dabei mehr in Bewegung bringen als unseren Body. So viel zum ersten Rezept: Mehr Rennpausen –oder: Das Glück der leeren Zeit.
II. Mehr Realtempo–oder: Die Tücken des Online-Lebens
Modern Times, Chaplin: Die Maschinen geben den Takt der Arbeit vor. Heute tun es digitale Informationstechniken. Ungleich schneller. Fällt in China ein Sack Reis um, weiss es Sekunden später der Nikkei. Wie es übermorgen um Ford steht, weiss schon jetzt der Down Jones. Ob ich selber einen goldenen November erleben werde, entnahm ich gestern dem SMI. Die digitale Welt hebelt die natürliche Zeit aus –und schaltet unseren Menschenverstand aus. Wie begann denn die Finanzkrise? Amerikaner, die noch kein Haus hatten, wollten eines, hatten aber kein Geld. Sie gingen zu denen, die Geld hatten, und liehen sich welches. Als die Häuser fertig waren und die Geldleute ihr Geld zurückhaben wollten, war es aber weg, weshalb die Geldleute zu anderen Geldleuten gingen und sie fragten, ob nicht sie vielleicht das verschwundene Geld haben wollten. Au fein, sagten die, Subprimes, und wie wir das wollen! Sie nahmen den Plunder, mischten ihn neu, gaben das Zeug weiter, und so kam es, wie es kommen musste.
So geht das, wenn wir die Zeit überlisten wollen. Wer ein Haus bauen will, muss warten, bis er etwas Geld hat. Wer mit Geld Geld verdienen will, muss warten, bis das Geld erwirtschaftet ist. Wollten beide nicht –und schufen eine Finanzindustrie, die nicht von dieser Welt ist. Hors sol. Von den Wolken herab sah man fast mitleidig auf die „Realwirtschaft“, die für alles so entsetzlich viel Zeit braucht: für Ideen, Produkte, Erlöse. Realfirmen wollten auch nicht die Dummen sein, kürzten ihre Entwicklungsbudgets bis zur Magersucht, verdienten lieber mit an Finanzgeschäften. Analysten, eh im Dienste der Irrealwirtschaft, taten das übrige, kürzten den Zeithorizont für Bewertung auf Quartalfrist…
Das Tempo erzeugte Nachhechler. Keiner wollte verpassen, was die andern machen. Stolze „Shareholder“(Aktienbesitzer) mutierten zu nervösen „Sharesellern“ (Verkäufern). So pervertierte die Grundidee der Investition: Kapital langfristig für eine Geschäftsidee bereit zu stellen. Jetzt sind wir zurück in der Vergangenheit. Schmerzhaft, für die „Realwirtschaft“ erfreulich. Künftig werden wieder Ideen zählen, der Zeithorizont der Anleger wird wachsen, die Renditeerwartung schrumpfen, die Unternehmen werden sich –mit längerem Atem –wieder um Produkte kümmern.
Die Zeit hat sich selbst eingeholt. Wir knipsen den gesunden Menschenverstand an. Rechnen wieder mit irdischem Zeitmass. Wir werden weiter in zwei Welten leben, mal online, mal offline. Was in der Online-Welt auf Mausklick läuft, dauert in der Realwelt. Das sollten wir kapiert haben. Oder hat Nicholas Carr recht? Der Internet-Guru behauptet: Das Online-Leben macht doof. Sein Hirn sei ein „nervöser Flipperautomat“, süchtig nach Google-Snacks, ständig in Angst, etwas zu verpassen, gleichzeitig frustriert, weil das Daten-Meer keinen Sinn ergebe. „Früher war ich, als Leser, ein Taucher im Ozean der Worte; heute rausche ich der Oberfläche entlang wie ein Wasserskifahrer.“ Kurz und übel: Wer surft, verflacht. Klar: Surfen ist die Kunst, an der Oberfläche zu bleiben. Wer Tiefgang will, muss eine andere Sportart wählen. Tauchen. Oder ans Ufer sitzen. Lesen. Kühe weiden. Tempo zurück schalten. Die Luft der Wirklichkeit einatmen. Erdung finden. Den gesunden Menschenverstand updaten.
III. Mehr Liebhaber –oder: Die Nase fürs Futur
Bisher: Wer immerzu rennt, verpasst die Gegenwart. Zum Schluss will ich ein zweites Problem mit der Zeit skizzieren: Wer in der Gegenwart sitzen bleibt, verpasst die Zukunft. Richtige Unternehmer denken ja täglich an Zukunft. Die kennt keiner, glücklicherweise. Für Sie ein Dilemma: Sie müssen heute Entscheidungen treffen, Über deren Richtigkeit/Falschheit der Markt erst in ein, zwei Jahren urteilt. Woher nehmen Sie das Gottvertrauen, richtig zu handeln – in eine vage Zukunft hinein?
Sie werden sagen, Sie verstehen was vom Geschäft. Sie haben Fachkompetenz, logisch, sonst wären Sie nicht hier. Aber überschätzen wir nicht die sogenannten Kompetenzen? Wir fragen: Hat der Mann einen Bachelor, die Frau ihren Master, einen MBA gar? Nichts gegen Studien, schon gar nichts gegen das KMU-Institut der Uni St. Gallen. Da lernt man jede Menge. Das Entscheidende müssen wir selber merken. Entscheidend ist nicht, dass wir Kompetenzen haben? Die hat heute jeder Depp. Entscheidend –im Leben wie in der Berufspraxis –ist, was wir mit unseren Kompetenzen anfangen können. Das aber hängt nicht vom Studium ab, sondern von der Person: von ihrer Lebhaftigkeit, Neugier, Beherztheit. Wer nur mit seinem angelernten Kompetenzenportfolio am Werk ist, gehört rasch zum alten Eisen, er klammert sich an Methoden von gestern und rutscht, Jahr für Jahr, aus der Gegenwart in die Vergangenheit. Für Zukunft gibt es keine Methoden. Da hilft nur die Wachheit der Person. Für Zukunft muss man einen Riecher haben, eine Nase –für das, was erst in der Luft liegt, feine Antennen für den Zeitgeist, fürs künftige Lebensgefühl. Lässt sich diese Nase fürs Futur bilden? Ich kenne einen Unternehmer, der schickt seine Kaderleute monatlich zweimal ins Kino. Kluge Idee. Wissen Sie, ein Chef mag noch so tolle Kompetenzen haben –doch wenn er den ganzen Tag am Computer sitzt, abends Eurosport schaut und einschläft: Wie soll der eine Ahnung haben von dem, was sich gesellschaftlich abspielt? Wie soll er Produkte für morgen entwickeln, für die Mentalität einer nachrückenden Generation? Da kann das Kino helfen. Kino, die Traumfabrik. Und auf dem Gütermarkt ist heute erfolgreich, wer mit Träumen handelt. Nicht bloss mit nützlichen Dingen, davon gibt es eh genug, funktionstüchtig sind die meisten. Da reüssiert, wer sein Produkt, seine Dienstleistung am raffiniertesten mit Träumen verknüpft. Ich sagte vorhin schon –mit Blick auf Jean-Claude Biver: Wer Kunden bei ihren Träumen abholen will, muss selber träumen. Nur Träume reichen in die Zukunft. Ich wundere mich, wie wenig „die Wirtschaft“ von Träumern hält. Sie bevorzugt „Profis“. Die Investmentbanker waren superprofessionell, erledigten alles nach der Risikoformel Li, da waren alle Daten der letzten 50 Jahre hinein gepackt, bloss nicht der aktuelle US-Hausbesitzer, der verarmt draussen in der Realität, nicht am Bildschirm. Die Vollprofis aber sassen Tag und Nacht vor dem Monitor. Hätten sie mal zum Fenster hinaus geschaut, wären sie zeitig auf die Idee gekommen, mit Habenichtsen lasse sich nicht endlos geschäften. Ist Jean-Claude Biver ein Profi? Als Uhrmacher, klar. Aber hat er genügend Credit Points in Marketing? Er ist ein Amateur. Ein Liebhaber. Profis stehen Über den Dingen, also nicht in ihnen, Liebhaber mögen, was sie tun, sie behandeln ihre Marke, ihre Produkte wie eine Geliebte, tun alles, sie zu verwöhnen, zu verführen, in Hochform zu bringen. Weil sie selber dabei aufleben. Die Briten sagen: No love, no time. Wer keine Liebe hat, zu den Dingen, den Menschen, hat auch nie Zeit. Erotiker haben immer Zeit. Sie leben in zwei Zeiten, in Gegenwart Zukunft. Sie sehen ihre Marke nicht nur, wie sie grad ist, sondern so, wie sie sein könnte. Liebhaber sind ein bisschen verrückt. Im Wortsinne ver-rückt. Sie gehen mit der Zeit, stehen aber auch neben ihr. Sie sehen die Gegenwart schon auf dem Weg in die Zukunft.
Nur so passiert es nicht, dass die Zeit sich selber einholt.
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28. Oktober 2008 um 8.21 Uhr
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